– DER TERROR DER NERVENSYSTEM-REGULATION –

 

– DER TERROR DER NERVENSYSTEM-REGULATION –

 

Wie die moderne „Selbstentwicklungs“-Kultur Natürlichkeit in eine Norm emotionaler Kälte verwandelt.

 

 

Immer häufiger sehe ich im Internet Inhalte über die „Regulierung des Nervensystems“.

Wie nehmt ihr sie wahr? Mich interessiert, was ihr dabei empfindet.

 

Für mich klingt das oft wie eine Botschaft:

„Du bist immer noch nicht reguliert. Arbeite an dir – sonst stimmt etwas nicht mit dir.“

 

Dazu sieht man meist Fotos ewig lächelnder Menschen im „Zen“-Zustand, mit einer Tasse Tee und diesem obligatorischen Frieden in den Augen.

Und ich habe dann das Gefühl, dass dieser Frieden eher eine Maske ist – nicht die Wahrheit über den Menschen.

 

Mit der Zeit wurde diese Obsession der „Regulierung“ für mich unerträglich.

Denn ich – ich will nicht reguliert sein.

Ich will lebendig sein.

 

Für mich ist das die Essenz eines gesunden Nervensystems: Bewegung, Fluss, Authentizität.

Regulation darf kein Gefängnis sein. Sie soll Leben sein – mit seinem ganzen Spektrum an Emotionen.

 

Ich habe weder den Charakter noch das Temperament, jeden Tag „dieselbe“ zu sein.

Ich kann keinen gleichbleibenden Zustand der Glückseligkeit halten.

Ehrlich gesagt – das würde mich sogar schnell langweilen.

 

Am meisten jedoch beunruhigt mich, wie die Idee der „Regulation“ zunehmend im Kontext von Trauma angewendet wird.

 

Denn es sieht so aus – und wird auch so verkauft – als könne ein „reguliertes“ Nervensystem ein anderes, „dysreguliertes“ heilen.

Als wäre allein die Ruhe des Therapeuten schon das Heilmittel.

 

Aber in der Traumatherapie geht es nicht darum, sich zu beruhigen.

Es geht darum, wieder lebendig zu werden.

 

Sich zu erlauben, das zu fühlen, was über Jahre eingefroren war – Angst, Wut, Schmerz, Trauer.

Den Kontakt zu Gefühlen zurückzugewinnen, die einst zu gefährlich waren, um sie zu spüren.

 

Deshalb führt diese Art von „Regulation“, wie ich sie oft in den Medien sehe, meiner Meinung nach eher zur Vermeidung von Gefühlen als zu ihrer Integration.

 

Echte Traumheilung bedeutet hingegen die Rückkehr zum Fühlen – nicht zur Fassade der Ruhe.

Sie ist das Erleben intensiver Emotionen in Sicherheit, mit VERANKERUNG im Körper.

 

Ich erinnere mich an die Geschichte eines Zen-Meisters, der mit seinem Schüler durch ein Dorf ging.

Aus einem der Häuser ertönte lautes Wehklagen – jemand war gestorben.

Der Meister trat ein und begann zu weinen, herzzerreißssend, lauter als alle anderen.

 

Verwundert sagte der Schüler:

– Ich dachte, du seist darüber erhaben, dass dich das nicht mehr betrifft.

Darauf antwortete der Meister:

– Genau darin besteht das Erwachen.

 

Denn Erleuchtung – nach der Zen-Philosophie – bedeutet keine Distanz zu den Emotionen, sondern volle Teilnahme am Leben.

Es ist das Sein in der Wahrheit der Gefühle.

 

Regulation ist kein ewiger Frieden.

Sie ist die Fähigkeit, sich durch das ganze Spektrum der Emotionen zu bewegen – von Wut über Trauer und Aufregung bis hin zur Ruhe – ohne in einem Zustand steckenzubleiben.

 

Das Ziel ist nicht Ruhe.

Das Ziel ist Leben.

 

Seit Jahren versuche ich, in diesem Geist zu leben – und das wünsche ich auch euch.

 

Agata