SCHUTZSCHILDE
Als ich 24 Jahre alt war und an der Akademie der Bildenden Künste studierte, kamen schreckliche Kindheitserinnerungen und Gefühle zurück, die ich jahrelang verdrängt hatte. Es waren Erinnerungen an Gewalt.
Um einen Ausweg aus diesen schweren emotionalen Problemen zu finden, suchte ich automatisch nach einer Sprache, mit der ich zeigen konnte, was in mir vorging. Die Kunst war für mich eine natürliche Sprache. Dort gelang es mir schon früher, das auszudrücken, was auf andere Weise unaussprechlich war.
Das war im Jahr 2002. Damals entstanden die ersten Bilder, auf denen Kreise zu sehen waren. Ich beschädigte sie, zündete sie an – um meinen Schmerz zu visualisieren. Damals war mir noch nicht bewusst, dass in diesen Bildern das Motiv des SCHILDES auftauchte. Nach einiger Zeit begann dieses Motiv aus dem Bild „herauszubrechen“. Er verselbstständigte sich. Der flache Kreis trat in den dreidimensionalen Raum und wurde zum SCHILD, also zu meiner Antwort, meiner Reaktion und meiner Bewaffnung gegen die zuvor erlittene Gewalt. Die SCHILDE erzählten Geschichten und wurden zu Zeugen vergangener Ereignisse.
Zuerst waren es SCHUTZSCHILDE, die auf verschiedenen fertigen Untergründen aufgebaut waren. Später entwickelte sich das Motiv weiter und verwandelte sich in ausgereifte Objekte, die ich von Anfang bis Ende selbst baute. Gleichzeitig wurde mir klar, dass die bildnerischen Mittel allein nicht ausreichten. Dass jedes „Schild“ von einem Text begleitet werden musste. Auf diese Weise habe ich mich über 10 Jahre lang von den psychischen Verletzungen meiner Kindheit befreit, traumatische Ereignisse verarbeitet und ihre Kraft in meine eigene Kraft umgewandelt und mir so den Weg aus der posttraumatischen Belastungsstörung gebahnt. Es entstand eine Serie von 27 Arbeiten.
Der SCHUTZSCHILD ist als ein der Menschheit seit Jahrhunderten bekanntes Schutzinstrument gleichzeitig ein Symbol für den Abwehrmechanismus, den die Psyche entwickelt, um eine traumatische Erfahrung und ihre Folgen zu bewältigen. Jedes Werk sieht anders aus und ist aus unterschiedlichen Materialien gefertigt (Holz, Kunststoff, Federn, Messer, Stoff, Papier). Das Thema von „SCHUTZSCHILD“ bestimmt die verwendeten Materialien. In der Serie konzentriere ich mich hauptsächlich auf die Facetten und Auswirkungen von psychischer Gewalt.
Im Jahr 2013, während meiner Doktorarbeit, habe ich die Arbeiten zum ersten Mal öffentlich gezeigt. Damals wusste ich noch nicht, was es bedeuten würde, solche Erfahrungen mit der Öffentlichkeit zu teilen. Die Reaktionen der Menschen und das Vertrauen, das diese Ausstellung hervorrief, waren unglaublich bewegend. Die Menschen teilten ihre schmerzhaftesten Erfahrungen mit mir und fanden sich in den SCHUTZSCHILDEN und ihren Texten wieder.
SCHUTZSCHILDE beweisen, wie Kunst das materialisieren und benennen kann, was im emotionalen Raum unsichtbar ist und daher schwer zu beweisen oder bei Menschen mit Gewalterfahrungen sogar schwer anzuerkennen, zuzugeben, zu “berühren“ - auch bei sich selbst.
SCHUTZSCHILDE zeigen, wie mit visuellen Mitteln, der Kunst, in einem Bild oder Symbol sehr komplexe psychische Zusammenhänge enthalten und erzählt werden können, und wie diese Art von Kunst auf den Betrachter wirkt und zu einer Basis für die Kommunikation über sehr schmerzhafte Erfahrungen und eine Einladung zum Dialog werden kann.
Nach Fertigstellung der Serie habe ich meine eigene Methode ARTrauma ® entwickelt.
Agata Norek
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Auszug aus der Eröffnungsrede im Bayerischen Landtag.
„Ich umarmte die Kunst als Erlösung und Notwendigkeit“
Niki de Saint Phalle
„Jeder Mensch weiß, wie ein blauer Fleck oder eine Platzwunde aussieht. Die körperlichen Folgen einer Gewalterfahrung sind sichtbar. Wie aber sieht es aus mit seelischen Verletzungen? Sie sind unsichtbar und werden von den Betroffenen oft erst nach Jahren wahrgenommen. Körperliche Verletzungen können geheilt, Schmerzen gelindert werden. Aber was passiert mit der Seele? Wie, womit, wodurch kann sie geheilt werden?
Es war 2002, als ich, damals Studentin an der Kunstakademie in Kattowitz, nach einem Symbol suchte, um die unsichtbaren Folgen und Facetten der Gewalt, die selbst für die Gewaltopfer schwer zu benennen sind, visuell darzustellen. Bisherige Darstellungen im Bereich Malerei und Grafik Design schienen für mich nur ansatzweise das zu zeigen, was ich zum Ausdruck bringen wollte. Die Sprache der Bilder war mein Werkzeug und diese Sprache musste ich erweitern, um unbeschreibbare Erlebnisse der Gewalt in Kunst umzusetzen.
Das Symbol des „Schutzschildes “ verwendete ich intuitiv in meinen damaligen Gemälden. So wurde es auch erkannt. Der Begriff „Schutzschild“ wurde für mich zum Schlüsselwort. Vor 18 Jahren habe ich den Weg der „Schutzschilde“ betreten, den ich bis heute gehe.
„Schutzschild“ wurde für mich zum Symbol der Psyche, die Gewalt erlitten hatte. „Schutzschild“ ist ein Gegenstand, der den Angriff abwehrt aber auch die Spuren der Gewalt bewahrt. Diese Forschung führte mich zu den 27 „Schutzschilden“ die u.a. ökonomische, häusliche, sexuelle Gewalt, sexuellen Missbrauch an Kindern aber auch die weibliche Genitalverstümmelung thematisieren.
In der gesamten Menschheitsgeschichte hatten „Schutzschilde“ unterschiedlichste Formen angenommen. Die alten Griechen benutzten z.B. eine gebogene, runde Form. Die Wikinger verwendeten einen ganz flachen, runden Schutzschild mit einer Ausbuchtung in der Mitte als Schutz für die Hand. Ich fügte die zwei Schutzschildformen zusammen, um die Form einer weiblichen Brust nachzubilden.
In der Antike trugen Schutzschilde künstlerische Darstellungen der unterschiedlichsten Art. Auf dem berühmten Schutzschild des dunklen Hephaistos ist die Geschichte der Welt dargestellt mit Meeren und Ländern, Sonne und Sternen, aber auch das Leben des einfachen Menschen in Frieden und Krieg.
Ich benenne meine Schutzschilde als „Chirurgie der Seele“. Diese Kunst schöpft direkt aus der Umwandlung der Verletzung in die schöpferische Kraft. Die „Schutzschilde“ zeigen, wie man Schwäche in Stärke umwandeln kann.
Ich wünsche mir, dass diese Ausstellung die Menschen anspricht, berührt und zum Nachdenken und zum Gespräch anregt. Ich wünsche mir, dass durch die Ausstellung viele Menschen Antworten, Verständnis und Mitgefühl finden werden. Mein Wunsch ist, dass es uns gelingt, das Projekt „Schutzschilde“ mit betroffenen Menschen zu realisieren sodass viele Menschen, wie die französische Künstlerin Niki de Saint Phalle sagen können: „Ich umarmte die Kunst als Erlösung und Notwendigkeit“.“
Agata Norek, 2015