- HEILUNG KENNT KEINEN KALENDER -

 
- HEILUNG KENNT KEINEN KALENDER -
 
Auch wenn ich im Urlaub bin…
Früher habe ich mir eingeredet: „Es ist doch schön hier, jetzt ist nicht der richtige Moment, es sind die Geburtstage meines Mannes, verdräng die negativen Gefühle, verdirb niemandem den Tag, schliesslich scheint die Sonne.“
Heute nicht mehr.
 
Heute spüre ich, dass da ein Bedürfnis in mir ist, dass sich etwas öffnen will, dass etwas schwer ist, etwas Raum braucht, etwas gehört und benannt werden möchte.
Dann gehe ich sogar im Urlaub, an einem schönen, sonnigen Tag, ins Hotelzimmer. Zum Glück kann ich mit meinem Mann darüber sprechen – er versteht dieses Bedürfnis.
Und selbst im Hotelzimmer (das habe ich gelernt) mache ich mir eine intensive Trauma-Arbeitssession. Eine Sitzung, wie man sie sonst in Kliniken, Krankenhäusern oder Praxen kennt. Ich führe sie im Hotel durch. Weine dabei und nehme meine eigenen schmerzhaften Geschichten und Tränen an.
 
Ich bin sehr froh, dass ich mir diese Fähigkeit erarbeitet habe – denn Trauma wartet nicht. Es taucht auf und möchte gehört werden, nicht unbedingt dann, wenn „gerade Zeit dafür ist“ – auch wenn alles leicht, ruhig und unbeschwert sein sollte. Es will nicht eine Woche warten. Oder hören, dass „etwas anderes gerade wichtiger ist“.
Genau das ist wichtig. Am wichtigsten. In diesem Moment – nicht irgendwann später. Ich bin dankbar, dass ich mir helfen kann – unabhängig vom Ort, den Umständen und davon, ob jemand gerade Zeit oder Raum für mich hat. Und dass ich mir zur Priorität gemacht habe, mich um diese Gefühle zu kümmern, wenn sie wirklich stark hervorkommen (denn dann ist der Kontakt zu ihnen am besten möglich).
Ich werde Euch den Weg zeigen, den ich 20 Jahre lang gegangen bin, um zu dieser Selbstständigkeit zu kommen. Ich weiss, dass solche Selbstgenügsamkeit ein wahrer Schatz ist.
Denn Heilung kennt keinen Kalender.
 
Agata Norek
22.06.205, Verbania, Italien