Kunstwoche mit Innocence in Danger e.V.

 

KUNSTWOCHE

 mit

"Innocence in Danger e.V."

September 2017, Berlin

http://www.innocenceindanger.de

 

Im September 2017 realisierte ich einen Schutzschilde-Workshop in Zusammenarbeit mit der deutschen Sektion einer internationalen Organisation, die sexuell missbrauchten Kindern hilft und gegen pädophile Netzwerke und Kinderpornografie im Internet kämpft - Innocence in Danger e.V..

 

Eine Woche lang lebten und arbeiteten wir in einem schloss in der Nähe von Berlin, der Vorstandsmitgliedern der Organisation gehört. Die Teilnehmerinnen waren vier junge Mütter, die in einem Zentrum in Berlin leben, in dem ihre Erziehungskompetenzen geprüft werden. Diese Frauen kamen in dieses Zentrum, weil sie sich Sorgen machten, ob sie in der Lage sein würden, ihre Kinder sicher zu erziehen und ob die Kinder in ihrer Obhut bleiben könnten. Von ihren Betreuerinnen erfuhr ich, dass sie noch nie gearbeitet hatten. Die meisten von ihnen hatten keine Schule abgeschlossen. Sie waren äusserst distanziert und machten sich über ihre missliche Lage lustig. Sie bezeichneten sich selbst spöttisch als „Chaosköniginnen“ und sagten, dass selbst wenn sie ein Chaos beseitigen, bald ein neues entsteht und diese Situation kein Ende nimmt. Ich fragte mich, wie ich sie erreichen könnte.

 

Ich begann ihnen zu erzählen, wie ich auf die Idee kam, „Schutzschilde“ zu bauen und sprach kurz darüber, was „Schutzschilde“ für die Menschen seit jeher bedeuten und was sie in unserem Projekt symbolisieren und darstellen sollen. Nach einiger Zeit bat ich sie, darüber nachzudenken, in welchen ihrer aktuellen Lebenssituationen sie einen „Schutzschild“ benötigen würden oder wo sie vielleicht einen solchen „Schutzschild“ wie eine Blockade tragen, obwohl sie ihn nicht brauchen.

 

Die starke, auf den ersten Blick aggressive Iris (Name geändert), der ich nicht zugetraut hätte, dass sie sich mir so schnell öffnet, begann über das Zentrum zu sprechen, in dem sie lebt. Sie sprach aufrichtig und aus dem Herzen. Sie begann zu weinen. Auf meine Bitte hin begann sie, ihre Gedanken aufzuschreiben und verfasste eine Art Brief an die Betreuer des Zentrums. Sie schrieb, dass der Aufenthalt im Zentrum, das für sie und ihre Kinder ein Schutz sein sollte, zu einem Gefängnis geworden sei. Wenn sie sich um ihre Kinder kümmere, höre sie von den Betreuern, dass sie eine "gute Schauspielerin" sei. Wenn sie hingegen Wut zeigt, höre sie, dass sie "unberechenbar" sei. Sie fühlt sich vorschnell gegeisselt, als schlechte Mutter abgestempelt - was auch immer sie tut. Über all das zu schreiben, brachte sie unweigerlich zum Weinen.

Ich fragte Iris dann, wie ein „Schutzschild“ in dieser Situation aussähe oder aussehen würde, um ihr zu helfen, sie zu ertragen, oder ob sie einfach zeigen und erzählen wolle, in welchem Zustand sich ihr innerer "Schutzschild" in Bezug auf die bestehenden Umstände befand. Ich sagte ihr, dass das, womit wir es jetzt zu tun hätten, Kunst sei und dass niemand ihre Gefühle oder das, was sie sagen wollte, beurteilen, hemmen oder zensieren würde. Ich versicherte ihr, dass ich dafür da sei, ihr zu helfen, alles bis zum Ende auszudrücken - zu zeigen und zu benennen, was sie in ihrer derzeitigen Situation quälte und worunter sie litt.

 

Iris sagte, sie wolle einen Schild "Gefängnis" bauen, denn so fühle sie sich und so sehe sie ihre Situation. Das, was sie eigentlich beschützen sollte - das hat sie auch in dem Text geschrieben - ist ihr Gefängnis geworden, aus dem sie keinen Ausweg mehr sieht.

 

Spontan machten wir uns auf die Suche nach Materialien, die einen solchen „Schutzschild“ illustrieren könnten. Da der Workshop in einer Scheune stattfand, gab es viele Requisiten, die mit dem Dorf in unserer Nähe zu tun hatten. Auf einer nahe gelegenen Wiese fand Doris ein Stück eines alten, rostigen Metallzauns. Sie brachte es mit in die Scheune. Ich konnte sehen, dass sie handeln wollte. Sie war voller Tatendrang. Mir wurde klar, dass es nicht auf den ästhetischen Wert dieses Objekts ankommen würde, sondern darauf Iris' Emotionen in das Objekt zu legen. So einigten wir uns schnell auf die Form des "Gefängnisschildes", denn ich wollte nicht, dass ihre Entschlossenheit nachliessen. Sie war voller Wut. Mit einer Zigarette im Mund machte sich Iris daran, den Zaun mit einer elektrischen Säge zu durchtrennen, ohne Angst oder Widerstand zu zeigen. Ich denke, dieses Werkzeug spiegelte ihre Wut „auf die ganze Welt“ gut wider. Da sie eine starke Frau war, stellte die Stärke des Materials, das sie für ihren „Schild“ wählte, kein Hindernis für sie dar. Während sie eine Zigarette rauchte, formte sie ihr „Schild“ aus einem alten Zaun. Als die Form ausgeschnitten war, begann Iris, die Metallstäbe mit blossen Händen so zu biegen, dass der „Schild“ nicht gerade war, sondern eine Wölbung erhielt.

 

Ihre Bemühungen lösten bei den anderen Projektteilnehmerinnen Neugier, Freude und Interesse aus. Der „Schutzschild" von Iris war bald fertig. Dann nahm sie eine Dose mit Silberspray und sprühte die rostigen Stäbe neu an. So bekam ihr "Schild" ein neues Aussehen. Sie tat dies, weil, wie sie sagte, die Situation, in der sie lebte, eine aktuelle, neue Situation war, nicht eine vergangene Situation. Iris war mit sich selbst zufrieden. Als der "Schutzschild" fertig war, gingen wir zurück zum Text. Doris wollte ihren Text jedoch nicht überarbeiten oder korrigieren, weil sie meinte, sie habe alle ihre Gefühle und Gedanken im ersten Moment ausgedrückt.

 

Iris' Mut, Ehrlichkeit und Spontanität haben mich bewegt. Aber am meisten beeindruckt hat mich, glaube ich, dass sie zwei Tage später mit einem fertigen Text zu mir kam, der diesmal ihren Konflikt mit der Aussenwelt zum Ausdruck brachte. Sie bat mich, ihr dabei zu helfen, einen „Schutzschild“ zu ihrer Beschreibung zu bauen. Ich freute mich, dass sie in dem Projekt einen Kanal gefunden hatte, um starke Emotionen zu lokalisieren und zu kanalisieren. Auch die anderen Workshop-Teilnehmerinnen schufen ihre „Schilde“. Dabei handelte es sich vor allem um „Schutzschilde - Dummies“, die die Angst zeigen sollten, dass ihnen ihre Kinder weggenommen werden.

 

Von einer der Betreuerinnen erfuhr ich, dass es für diese Mädchen eine völlig neue und starke Erfahrung war, einer Künstlerin zu begegnen, die eine nicht wertende Haltung vertritt. Ich denke, das war einer der Faktoren, die ihr Selbstvertrauen gestärkt haben.

Agata Norek