- Appell an die Journalisten und Journalistinnen -

 

Appell an die Journalisten und Journalistinnen
ACHTUNG – SCHWERER INHALT

Liebe Journalisten und Journalistinnen,

als Überlebende engagiere ich mich seit Jahren in der Öffentlichkeit, weil ich glaube, dass mein Zeugnis etwas Wichtiges und Notwendiges zu unserem gemeinsamen Bewusstsein beitragen kann.

Deshalb appelliere ich an Sie:
Bitte entmutigen Sie Menschen wie mich nicht. Menschen, die trotz schwieriger Erfahrungen ihre Stimme erheben wollen – nicht, um zu schockieren, sondern um Kraft, Verständnis und Raum für die Wahrheit zu schaffen.

Wenn Sie Menschen interviewen, die traumatische, extreme Erfahrungen gemacht haben, fragen Sie sie, wie viel sie bereit sind, darüber zu sprechen. Allein die Tatsache, dass jemand bereit ist zu sprechen, ist von grossem Wert, aber es liegt an dieser Person, den Umfang und die Tiefe der Geschichte zu bestimmen.

Überstrapazieren Sie diese Personen nicht. Suchen Sie nicht nach massloser Sensationslust.

Ich habe erlebt, wie ein Interview längst erloschene Emotionen wieder reaktivieren kann. Dann kehrt das Körpergedächtnis zurück. Die Bilder kommen zurück. Das Nervensystem schaltet in den Notfallmodus, was zu Dissoziation, Panik und Schmerz führt. Was vor Jahren geschah, geschieht jetzt wieder. Die Erfahrung, wie der Lastwagen auf die linke Seite meines Körpers trifft. Die Erfahrung und das Gefühl, dass sich mein Gehirn von diesem Teil abkoppelt und Teile meines Körpers als „nicht meine eigenen“ erkennt. Es ist ein Schutzmechanismus – Psyche und Geist koppeln sich von dem ab, was zerstört wurde, um zu überleben. Das sind Erfahrungen, die wieder so viel Raum und Zeit einnehmen, dass sie einem nicht erlauben, sich mit etwas anderem zu beschäftigen. Kein Interview ist es wert.

Und doch sind Zeugnisse wichtig. Sie werden gebraucht. Aber man darf diejenigen, die sie ablegen, nicht überfordern und gefährden.

Dies soll ein Appell sein, keine Anklage. Ich weiss, dass oft kein böser Wille dahintersteckt, sondern ein Mangel an Wissen und Erfahrung im Umgang mit Menschen, die ein Trauma erlitten haben.

Ich lerne auch dazu. Und ich hoffe, dass ich in Zukunft besser auf meine eigenen Grenzen achten werde – denn ich werde nicht aufhören zu reden. Denn ich weiss, dass es für mich sicher und für andere wertvoll ist, wenn ich mich innerhalb der Grenzen bewege, die ich mir gesetzt habe.

Man lernt sein ganzes Leben lang. Und es lohnt sich, einander zuzuhören – mit Achtsamkeit.