IM GEDENKEN AN MEINE GROSSMUTTER ADELA UND IN DANKBARKEIT
Anlässlich des Geburtstags meiner Grossmutter Adela – einer Person, die einen tiefen und prägenden Einfluss auf mein Leben, meine Sensibilität sowie auf meine Art, die Welt zu sehen und zu gestalten, hatte – ist dieser Text entstanden. Meine Grossmutter war eine der wichtigsten Präsenzfiguren meines Lebens, und ihre Spur durchzieht bis heute meine Kunst und mein Sein.
Heute, an ihrem Geburtstag, teile ich eine Erzählung, die zugleich eine persönliche Reise ist. Sie führt durch die Kindheit, durch das Haus meiner Grossmutter und die Erfahrungen, die sich dort geprägt haben, bis zu dem Ort, an dem ich heute bin – in meiner künstlerischen Arbeit, in der Kunst und in dem von mir aufgebauten Institut.
Dies ist eine Aufzeichnung von Weg, Erinnerung und Dankbarkeit. Und ein Versuch zu erfassen, wie sehr eine einzige Beziehung ein ganzes Leben mitgestalten kann.
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– GROSSMUTTER ADELA UND DANKBARKEIT –
Heute wäre ihr Geburtstag gewesen. Aber ich erinnere mich nicht nur heute an sie.
Der 5. Februar war unser gemeinsamer Tag – die Namenstage von Agata und Adelajda. Jedes Jahr rief sie mich an, und wir gratulierten uns gegenseitig.
Sie war gut, geduldig, sensibel und weise.
Sie rieb mir die Haare mit Rizinusöl ein, weil sie so fein und schwach waren.
Sie schälte mir abends die Äpfel.
Sie lehrte mich Handarbeiten, Sticken und Häkeln.
Sie weckte in mir die Liebe zu handwerklichem Arbeiten und förderte meine Geschicklichkeit. Sie lehrte mich Geduld und Präzision. Ich half ihr dabei, den Faden durch das Nadelöhr zu ziehen, weil ihr Sehvermögen schwächer wurde. Und sie brauchte die Fäden oft.
Die Fäden, die ihr hier seht, sind ebenfalls kein Zufall.
Meine Grossmutter hat diese Schachtel gemacht. Sie hat sie mit Samt bezogen und Initialen sowie Blumen darauf gestickt.
Wir tragen dieselben Initialen: A.N.
Später, während meines Studiums der Typografie an der Akademie der Bildenden Künste, kehrte ich auf neue Weise zu Buchstaben, Zeichen und Initialen zurück.
Aus Buchstaben, Formen, Farben und Bedeutungen entstand später die „Typographie der Seele“ – eine Methode auf Basis von Initialen und Typografie, die mir – und heute auch anderen – hilft, die eigene Lebensgeschichte und innere Wandlungsprozesse zu verstehen und sichtbar zu machen. Sie zeigt, dass selbst dann, wenn Trauma einen Menschen in Teile zerreißt, es möglich ist, sich auf neue Weise wieder zusammenzusetzen und innere Kohärenz zu finden.
Aus dieser Idee heraus entstand auch das Logo meines gegründeten Instituts – ein Symbol dafür, dass der Mensch, selbst nach den schwierigsten Erfahrungen, eine neue Form seiner selbst finden kann.
Es war ein langer, über zehn Jahre dauernder Weg.
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Meine Grossmutter konnte ihren BH nicht selbst auf dem Rücken schliessen, also bat sie mich, dies mit meinen kleinen Fingern zu tun.
Für mich waren das besondere Momente der Begegnung mit der weiblichen, erwachsenen Welt – mit Büstenhalter, Häkchen und Weiblichkeit.
Viele Jahre später schuf ich eine Arbeit aus Unterwäsche – eines der 27 Werke meiner „Schutzschilde“ aus meiner ausgezeichneten Doktorarbeit – gewidmet der verletzten Weiblichkeit und der gezeichneten Sexualität.
Ihr habe ich auch den Katalog „Schutzschilde“ gewidmet – eine Zusammenfassung meines damaligen Weges aus der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung.
Ich habe damit gezeigt, dass es möglich ist, Schritt für Schritt aus diesem Zustand herauszufinden. Dass man Worte und Bilder finden kann für das, was über Jahre unaussprechlich blieb.
Als ich 2013 bei einem Verkehrsunfall auf wundersame Weise nicht starb, sagten viele Menschen, es müsse ein Schutzengel über mir gewacht haben.
Selbst Ärzte und Chirurgen sagten, es müsse eine höhere Kraft gewirkt haben, denn anders konnten sie es sich nicht erklären.
„Solche Unfälle überlebt man nicht.“
„Das widerspricht Medizin und Physik.“
Diese Sätze habe ich oft gehört.
Und doch glaube ich und fühle ich, dass sie dort war. Sie hat ihren Finger darauf gelegt.
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Meine Grossmutter schrieb mir einmal eine Widmung, indem sie Goethe zitierte:
„Schaffe Schönheit, denn nur wenige schaffen sie, und viele brauchen sie.“
Ich wäre heute nicht die Person, die ich bin, wenn ich nicht außergewöhnliche Menschen auf meinem Weg getroffen hätte.
Eine der wichtigsten bleibt meine Grossmutter.
Oma, unser schönes und gutes Erbe geht weiter.
Agata Norek
Basel, 18.06.2026





