- WENN DU LERNST, EINEM FÜNFJÄHRIGEN MÄDCHEN DIE STIMME ZURÜCKZUGEBEN -

 

Einführung

 

Der Text, den du gleich lesen wirst, ist eine Aufzeichnung der Arbeit mit einem Fragment frühkindlicher Erinnerung. Er entstand in dem Moment, als ein innerer Anteil, der über Jahre hinweg abgespalten war, seine Bereitschaft zum Kontakt signalisierte. Es ist keine Literatur und keine „schöne“ Erzählung, sondern eine authentische Aufzeichnung eines Prozesses — echte Worte des kindlichen, wenige Jahre alten „Ich“.

Es ist die Stimme eines Anteils, der einst nicht die Kapazität hatte, das Geschehen zu tragen, und sich zum Überleben abspalten musste. Der Integrationsprozess besteht darin, den Zugang zu solchen Zuständen schrittweise wiederherzustellen und ihnen im Hier und Jetzt einen Platz zu geben. Diese Aufzeichnung zeigt, wie die Stimme eines Traumas klingen kann: roh, wahrhaftig und notwendig.

Während der Lektüre kannst du Berührtheit, Spannung im Körper oder starke Emotionen erleben — das ist natürlich. Wenn du merkst, dass es dir schwerfällt, halte inne und sorge gut für dich. Du kannst den Text abschnittsweise lesen, eine Pause machen, später zurückkehren oder Unterstützung bei nahestehenden Menschen oder bei Fachpersonen suchen. Dieser Text soll ein Zeugnis eines Prozesses und eine Einladung zur Reflexion sein, keine Belastung.

 

 

Aufzeichnung einer Sitzung

 

WENN DU LERNST, EINEM FÜNFJÄHRIGEN MÄDCHEN DIE STIMME ZURÜCKZUGEBEN

 

„Ich bin schlecht.

Ich bin hoffnungslos.

 

Ich habe kein Recht, Nähe zu erwarten.

 

Mit meinem Schmerz muss ich allein klarkommen.

 

Ich trage einen so tief verkörperten Zustand in mir – niemand liebt mich.

 

Mit allem muss ich allein zurechtkommen und allein fertigwerden.

 

So wie ich bin – kann man mich nur bekämpfen.

 

So wie ich bin – kann man mich nur hassen.

 

So wie ich bin – kann man mich nur zurückweisen.

 

Mir gegenüber, so wie ich bin, kann man nicht geduldig, nicht großzügig, nicht gütig sein.

 

So wie ich bin, bin ich nicht akzeptabel.

 

Ich bin unerträglich,

nicht auszuhalten.

 

Und das ist wohl der schrecklichste Satz, an den ich geglaubt habe:

So wie ich bin, bin ich für niemanden auszuhalten.

 

Ich bin für niemanden annehmbar.

 

Genau das war doch die Botschaft meiner Eltern.

Ununterbrochen.

 

So wie ich bin, muss ich mich selbst ertragen.

 

Meine Mutter hat mir so oft gesagt –

dass ich für sie nicht auszuhalten bin.

 

Diese Konfrontation mit der Welt

(denn sie waren die ganze Welt),

– mit ihnen –

war unvorstellbar.

 

Und in mir war dieser Schrei –

akzeptiere mich!

 

Verletze mich nicht, weise mich nicht zurück.

Aber ich konnte es nicht ausdrücken.

 

In meinem Schrei lag die Botschaft –

weise mich nicht von dir weg.

 

In diesem Schreien und in der Hysterie lag die Botschaft –

ich kann mit diesen Zuständen nicht umgehen.

 

In diesem emotionalen Zustand lag die Botschaft –

ich weiß, dass ich mir mit diesem Zustand nur schade,

aber ich kann nicht anders.

 

Ich war damals fünf Jahre alt.

 

Ich weiß, dass du mich noch mehr zurückweisen wirst,

aber ich kann nicht nicht schreien.

 

Ich weiß, dass du mich bestrafen wirst,

aber ich kann mich nicht beruhigen.

 

Ich weiß, dass ich noch mehr leiden werde,

aber ich kann dich nicht anders erreichen

als dir zu zeigen, was ich fühle.

 

Auch wenn mich das völlig überfordert,

mir Angst macht,

mich überflutet,

mich innerlich zerreißt.“

 

Agata Norek

24.12.2025