- SICH HINTER WISSEN VERSTECKEN -
In der 15. Folge meines polnischen Podcasts „Chirurgia duszy“ habe ich mich zum ersten Mal in meinem Leben getraut, laut auszusprechen, was in meinem Elternhaus passiert ist.
Ich habe von der Ablehnung durch meine Mutter erzählt, von der Verführung durch meinen Vater, von Missbrauch, Gewalt und davon, wie mir die Schuld zugeschoben wurde.
Ich habe so viel erzählt, wie ich heute erzählen kann.
Mit der Psychologin und Psychotherapeutin Sabina Sadecka haben wir in dieser Folge über viele Themen rund um Trauma gesprochen.
Und was habe ich gehört? (und angeblich gab es noch viel, viel mehr solcher Stimmen)
Dass ich „dem Experten den Raum wegnehme“.
Dass „das Gespräch wohl nicht darum hätte gehen sollen“.
Dass ich „mit zitternder Stimme gesprochen habe“.
Diese Stimmen kamen nicht von den Hörer:innen meines Kanals.
Mein Publikum weiß, was ich tue, versteht und kennt meine Intentionen und die Grundgedanken.
Mein Podcast ist ein Austausch von Erfahrungen in echten Gesprächen (keine Interviews!) mit verschiedenen Gästen.
Indem ich über meine eigenen Erfahrungen spreche, habe ich offenbar schon mehrere Menschen davor bewahrt, in Psychosen zu rutschen, sich selbst zu verletzen oder sich völlig isoliert und einsam zu fühlen.
Ich gehe davon aus, dass die Menschen, die – wie man mir schrieb – Sabina Sadecka folgen, vor allem Therapeut:innen, Psycholog:innen und Menschen mit Traumaerfahrung sind.
Und genau diese Menschen lade ich nun ein, sich zu überlegen, was sie da getan haben.
Wen wollten Sie zum Schweigen bringen, wen wollten Sie in den Schatten drängen, in die Ecke stellen?
Und das sind Menschen, die Sabina Sadecka folgen, um über Trauma zu lernen?
Dann wünsche ich den Klient:innen dieser Menschen alles Gute.
Zum Glück habe ich inzwischen genug Unterstützung und genug Glauben an mich selbst, dass mich so etwas nicht aus der Bahn wirft.
Aber ich stelle mir vor, dass jemand, der noch nicht so fest auf den Beinen steht, das als kollektives „Hinauswerfen“ erleben würde.
„Denn das Opfer von Gewalt hat ja schließlich nichts zu sagen.“
„Nimmt Raum und Zeit weg.“
Man hört zu und lernt „nur von Expert:innen“.
Liebe Zuhörer:innen, die mein Podcast-Gespräch so bewertet haben: Bravo! Nichts hinzuzufügen. Ich wünsche Ihnen alles Gute beim Sammeln Ihrer Zertifikate.
Was ich Ihren Klient:innen ganz sicher nicht wünsche, ist, dass Sie sie so behandeln, wie Sie mich behandelt haben.
Mein Dank gilt allen, die genau verstanden und gespürt haben, worum es in diesem Gespräch ging.
Interviews gibt es viele – aber Gespräche, in denen Menschen einander wirklich zuhören, gibt es zu wenige. Jetzt sieht man, warum.
Mit meinem Wissen und meiner Erfahrung halte ich mich nicht für schwächer oder weniger wertvoll als Frau Sadecka.
Mein Podcast ist mein Raum – und ich werde nicht zulassen, dass man mich daraus verdrängt.
Gleichzeitig frage ich mich ernsthaft, welche Art von Überprüfung eigentlich bei Menschen stattfinden sollte, die Wissen und Zertifikate über Trauma erwerben und damit „arbeiten“ wollen.
Welche Kriterien sollten solche Menschen erfüllen – außer, dass sie Wissen aufnehmen und – verzeihen Sie – „fähig sind, Vorträge anzuhören, Bücher zu lesen und eine Prüfung darüber zu bestehen“.
Ja, das ist Sarkasmus, gemischt mit Ungläubigkeit.
Ich habe das Gefühl, dass ich die Augen immer weiter öffne für diese Welt und für das, was hier wirklich passiert – oder dass sie sich vor mir entblößt.
Zusammenfassend:
– Für mich war das ein riesiger Schritt, weil ich öffentlich über Gewalt und Missbrauch in meinem eigenen Zuhause gesprochen habe – in einem Raum, den ich selbst geschaffen habe.
Ich habe über etwas gesprochen, das für viele Menschen so schwer ist, dass sie es nie öffentlich aussprechen.
Ich habe es in dem Raum getan, den ich selbst geschaffen habe, um zu zeigen: Man kann die Gastgeberin der eigenen Erzählung sein.
– Die Kommentare, die ich erhalten habe, zeigen, wie tief verwurzelt die Überzeugung ist, dass über Trauma nur „Expert:innen“ sprechen dürfen.
Ich stelle erneut die schwierige Frage: Warum soll die Stimme einer Person, die Trauma erlebt hat, weniger „wertvoll“ sein als die einer Therapeutin?
– Was ich erlebt habe, ist der Mechanismus der sekundären Gewalt: Jemand versucht zu sprechen, und die Reaktion ist Schweigenmachen und in die Ecke drängen.
Einige der Kommentare, die ich erhalten habe, sind klassische Beispiele für „Silencing“ – zum Schweigen bringen.
Es geht hier nicht nur um mich, sondern um ein gesellschaftliches Muster: Ein Opfer spricht, und andere wollen die „Ordnung wiederherstellen“, indem sie sagen, dass das nicht sein Platz ist.
Das ist gefährlich – gerade weil es in Räumen passiert, die eigentlich unterstützend und „sicher“ sein sollten.
Die Lehre über Trauma sollte immer aus den Erfahrungen der Überlebenden schöpfen.
Sonst läuft man Gefahr, in eine rein akademische Perspektive zu verfallen, die den Menschen nicht hört, sondern nur den „Fall“.
– Mein Sarkasmus ist ein Signal, dass ich eine solche Behandlung nicht akzeptiere und dass ich nicht nur mich selbst, sondern auch andere Überlebende verteidige.
– Die Überprüfung der Kompetenzen in der Traumaarbeit darf sich nicht nur auf Buchwissen beschränken.
Ein Zertifikat allein reicht nicht – es braucht emotionale Reife und das Bewusstsein, was ein Kommentar, der eine Geschichte zum Schweigen bringt, anrichten kann.
Ich rufe dazu auf, dass Menschen, die Zertifikate und Wissen über Trauma erwerben, darüber nachdenken, wie sie mit denjenigen umgehen, die Trauma erlebt haben.
Empathie, Zuhörfähigkeit, Bewusstsein für die eigenen Reaktionen – das kann man oft nicht aus Büchern lernen.
Ich sehe, dass man immer noch um das Recht auf die eigene Stimme kämpfen muss – selbst in Räumen, die scheinbar sicher und lehrreich sind.
Einmal mehr wird mir klar: Ein Gespräch über Trauma ohne die Stimmen der Überlebenden ist ein unvollständiges Gespräch.
Und ich danke allen, die auf dieses Gespräch ganz anders reagiert haben – unterstützend.
Agata
Luzern, 14.09.2025